Im Zuge der digitalen Revolution steht auch der Handel vor grossen Herausforderungen. Der vorliegende Beitrag zeigt, wie wir in Zukunft einkaufen und in welche Richtung sich der Handel bewegen wird. Die zwei Artikel stammen aus dem Magazin der Aduno Gruppe «The way to pay – tomorrow»

Die Welt als Einkaufszentrum

Das Einkaufen in der Zukunft wird smarter und einfacher. 2030 wird sogar der gesamte öffentliche Raum zur Konsumzone.

Online, offline, mobil. Die Kunden von morgen wünschen sich eine möglichst nahtlose, gar grenzenlose Einkaufserfahrung, postuliert das renommierte Frankfurter Zukunftsinstitut in seiner Studie «Salestrends». Bereits heute verschwimmen die Grenzen zwischen realer und digitaler Konsumwelt zusehends. Bis 2030 wird die ganze Welt zu einem einzigen grossen Einkaufszentrum, in dem immer, überall und sofort eingekauft werden kann. Egal, ob ein gewünschter Artikel im Schaufenster liegt, auf einer Plakat- oder Videowand beworben wird oder sich irgendwo in der realen Welt befindet – in Zukunft kann der Kaufwillige ganz einfach mit seinem Smartphone darauf zielen, den Einkauf mit einem Klick oder einer Geste bestätigten und das Objekt der Begierde wird automatisch nach Hause geliefert. 

Auf der anderen Seite bringen endlich erwachsen gewordene Technologien wie mobile standortbezogene Dienste oder «Augmented Reality» das personalisierte Einkaufserlebnis: Im Geschäft wird dem Kunden sein ganz individueller Preis, der ihm durch seinen Treuerabatt zusteht, angezeigt. Oder er erhält Informationen darüber, ob das Produkt für ihn als Diabetiker, Allergiker oder Leistungssportler geeignet ist. Beim Passieren eines Geschäfts schickt ihm dieses automatisch einen Gutschein oder eine Produktempfehlung auf sein Smart Device. Bei Letzterem kann es sich um ein Smartphone, eine Datenbrille, eine Uhr, ein Armband oder andere sogenannte «Wearables» handeln. 

Bequemer einkaufen

Damit sich der Konsument 2030 schneller im Produktdschungel zurechtfindet, erhält er auf Wunsch entsprechende Einkaufshilfen: Als Mitglied der «Quantified Self»-Bewegung zeichnet der moderne Konsument persönliche, gesundheitliche, sportliche, aber auch gewohnheitsspezifische Daten auf und stellt sie dem Einzelhändler zur Verfügung. Aufgrund dieser Daten und anhand des Einkaufverhaltens in der Vergangenheit kann der Anbieter quasi in Echtzeit sinnvolle Empfehlungen abgeben.

Um die Produkte des täglichen Bedarfs wie Milch, Brot oder Seife wird sich der Konsument 2030 indes keine Gedanken mehr machen müssen: Intelligente Haushaltsgeräte und Lagermöglichkeiten melden jeweils den aktuellen Bestand dem Lieferanten, der bei Bedarf automatisch für Nachschub sorgt. Das Internet der Dinge macht’s möglich. 

Werden physische Läden bis 2030 also zum Auslaufmodell? Mitnichten, meinen Zukunftsforscher, sie werden nur andere Funktionen erfüllen: Konsumenten werden hier Produkte anfassen, ausprobieren oder sich beraten lassen – und soziale Kontakte pflegen.

Rollenwandel im Handel

Bis 2030 wird die Welt des Handels neu erdacht: Anbieter müssen sich auf Trends wie die Share Economy und neue Rollenverständnisse einstellen.

Nutzen statt besitzen – die Share Economy stellt die Handelswelt auf den Kopf: Bereits heute werden in der Wirtschaft des Teilens gemäss Schätzungen zwischen 20 und 30 Milliarden Dollar umgesetzt. Was mit dem Teilen von Autos und Wohnungen begann, soll insgesamt über ein Marktpotenzial von 850 Milliarden Dollar verfügen, prognostiziert Rachel Botsman, die Vordenkerin dieser Bewegung. Marktforscher gehen davon aus, dass bis 2030 eine Professionalisierung der «Share Economy» stattgefunden haben wird, in der dann nicht mehr nur Private und Kleinfirmen Geld verdienen, sondern auch grosse Unternehmen kräftig mitmischen.

Damit verschieben sich auch die traditionellen Rollen im Retail. Dies lässt sich heute bereits im Bereich 3D-Printing ablesen: Kunden werden zu Produzenten, sogenannten «Prosumern». Die Händler selbst müssten sich in der Folge zu Dienstleistern, zu aktiven Enablern wandeln, raten Experten.

Logistic Grids à la App-Stores

Eine zweite grundlegende Veränderung betrifft die Auslieferung der Waren, die je länger, je häufiger per Smartphone getätigt werden. Um den M-Commerce beschleunigen zu können, werden leistungsfähigere Logistiknetze benötigt.

Wie diese aussehen könnten, zeichnet das Rüschliker Gottlieb Duttweiler Institute in seiner Studie «The Future of Shopping». Bis 2030 könnten sogenannte Logistic Grids entstehen: Grosse Retailer öffnen dabei ihre Logistiksysteme und unterhalten die Netze quasi als Betriebssystem für andere Händler. Auf den vollständigen Plattformen inklusive Bezahlsystem und Zusatzdienstleistungen können dann selbst Kleinstanbieter Shops aufbauen – ähnlich wie Apple dies mit dem iTunes- Store für App-Anbieter bereits heute tut.

Für eine weitere Optimierung von Lieferwegen und -zeiten wird auch das Internet der Dinge sorgen, das den Menschen bis 2030 komplett mit seiner Umwelt vernetzt. Mit jeder Aktion im Alltag speist der Verbraucher künftig komplexe Datenströme, die dank Big-Data-Anwendungen laufend analysiert werden und so das Marktangebot quasi in Echtzeit steuern: Die Waren sind schon da, bevor der Kunde überhaupt bestellt hat. Bereits heute experimentiert der Handel mit individualisierten Programmen, die mittels Data Intelligence und Verhaltensmodellen ganz genau wissen, welche Präferenzen Konsumenten haben. Dank Geolocation kann dem Kunden dann direkt am Verkaufspunkt oder in dessen Nähe ein passendes Prämien- oder Sonderangebot unterbreitet werden. In eine ähnliche Richtung geht Versandgigant Amazon mit einem kürzlich angemeldeten Patent namens «Anticipatory Shipping»: Künftig will das Unternehmen Persönlichkeitsmuster seiner Kunden auswerten und entsprechende Waren schon einmal an ein Versandzentrum schicken, in dessen Nähe sich ein oder mehrere Konsumenten höchstwahrscheinlich für das Produkt interessieren werden. Ausgeliefert wird dann innerhalb von 30 Minuten mit einer autonomen Drohne.

Angesichts solcher Szenarien gewinnt das Thema Datenschutz weiter an Bedeutung. Die Kunden müssen jederzeit die volle Kontrolle über ihre persönlichen Informationen und Profile haben. Denkbar ist, dass bis 2030 spezialisierte Dienstleister im Auftrag der Konsumenten die sichere Verwaltung und Steuerung der persönlichen Daten übernehmen.